Zehn Gründe, nicht Chef zu werden

Zehn Gründe, nicht Chef zu werden

Zehn Gründe, nicht Chef zu werden

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Aus der Gruppe herausragen, die besten Leistungen bringen, stets Verantwortung übernehmen – das ist der Stoff, aus dem steile Karrieren gemacht werden. Moment mal, mag der ein oder andere sagen: Für den Aufstieg zahle ich aber einen hohen Preis. Dazu bin ich nicht bereit. 



10 Gründe, nicht Chef zu werden

1. Schuster, bleib bei Deinen Leisten

Jahrelang tüftelte Johannes Reich Softwareprogramme aus. Inzwischen leitet er eine fünfzehnköpfige Abteilung. Statt mit Java, Bugs und Patches schlägt er sich nun mit Kennzahlen herum und muss Low Performer identifizieren. Reich hadert mit sich selbst: "Kein Computersystem nimmt mir diese Aufgaben ab."

2. Schluss mit lustig

Als Key Account Managerin kümmert sich Heike Schubert um wichtige Kunden und ist dafür pro Jahr rund 50.000 Kilometer mit dem Auto unterwegs. In ihrem Team herrscht eine prima Stimmung, die sie nicht missen möchte. Plötzlich wird ihr eine Führungsaufgabe angetragen, sie soll das Team leiten und den Vertriebsstandort ausbauen. "Das ehrt mich sehr", sagt sie. "Aber ich habe es mir anders überlegt. Mit den tollen Kollegen will ich es mir nicht verscherzen."

3. Sprung ins kalte Wasser

"Da kommt man schon ins Grübeln", sagt Achim Peters, als ihn ein Headhunter anruft. Dem Affiliate Manager der Agentur, die auf Online-Werbung spezialisiert ist, unterbreitet der Personalberater ein Jobangebot, das mit einem kräftigen Gehaltssprung verbunden ist. Nach zwei Tagen Bedenkzeit sagt Peters ab: Er fühlt sich wie ins kalte Wasser geworfen, weil er die Führungsrolle ohne Vorbereitung übernehmen soll.

4. Keine heile Welt

Gerechtigkeit und Solidarität sind Werte, für die sich Hanna Milewski seit jeher stark macht. Deshalb ist sie auch aktives Mitglied einer politischen Partei. Doch sich dafür einzusetzen, dass Frauen besser behandelt werden und Arbeitnehmer mehr Rechte erhalten, ist etwas völlig anderes als die eigenen Mitarbeiter hart aber fair zu beurteilen und ihnen offen ins Gesicht zu sagen, dass die Leistung nicht ausreicht. "Eine Führungsaufgabe", sagt sie guten Gewissens, "kommt für mich deshalb nicht in Frage."

5. Kopf hinhalten

Studien bestätigen immer wieder: Viele Projekte scheitern. Jedes Dritte wird abgebrochen, jedes Zweite strapaziert das Budget. 90 Prozent dauern länger als geplant, ermittelte das Wirtschaftsmagazin "The Economist". Mal steckt man sich unrealistische Ziele, mal arbeiten die Teammitglieder gegen- statt miteinander. Zur Verantwortung gezogen wird aber der Projektleiter. Führungskräfte wie er sind sehr begehrt. Umgekehrt sitzen Projektleiter auf dem Schleudersitz. Kaum eine andere Führungskraft wird so schnell gefeuert.

6. Freizeit adé

Gern trifft sich Matthias Neul mit Freunden abends auf ein Bier und geht mindestens einmal in der Woche ins Kino. Und am Wochenende gehört der Vater zweier Kinder seiner Familie. Nach dem plötzlichen Ableben seines Chefs soll er nun die Einkaufsabteilung übernehmen. Ihm ist klar, dass der Aufstieg in die zweite Führungsebene sein Privatleben massiv beeinträchtigen wird. Hobbys, Freunde wie das Familienleben kämen zu kurz. "Das ist mir die Karriere nicht wert", begründet er seine Absage.

7. Akten fressen

Wer Leitungsaufgaben hat, muss stets im Bilde sein. Um Entscheidungen treffen zu können, muss man sich Sachverhalte aneignen, Vorschriften und Regeln beherrschen und der unterstellten Mannschaft immer ein gutes Stück voraus sein. Berge von Akten sind abzuarbeiten. Bisweilen sieht es aus, als würde sich der Chef dahinter verbarrikadieren. Wer würde ihn darum beneiden?

8. Hire and fire

Umfragen zufolge fällt es Führungskräften am schwersten, Mitarbeiter zu entlassen. Auch Heinrich Kamp, jüngst zum Leiter Rechnungswesen berufen, hadert mit sich selbst: "Lieber würde ich Akten fressen als solch schwierige Entscheidungen treffen." Aber er kommt nicht drum herum, schließlich trägt er Personalverantwortung. Die Gründe für eine Entlassung mögen noch so plausibel sein – die Botschaft dem Betroffenen zu erläutern und ihm dabei in die Augen zu sehen, geht unter die Haut. "Nach solchen Gesprächen bin ich zwei Tage wie gelähmt", sagt Kamp über seinen Gemütszustand.

9. Oben bläst ein eisiger Wind

Wer aufsteigt, hat immer weniger Freunde. Dafür umso mehr Feinde, die schon das Messer wetzen. Um den eigenen Laden auf Vordermann zu bringen und die Truppe eng zu führen, verschanzen sich viele Entscheider irgendwann hinter einem eiskalten Lächeln. Der Chef wird unnahbar. Nur wenn es unbedingt nötig ist, sucht man das Gespräch mit ihm. Selbst gewählte Einsamkeit – nein danke.

10. Dampfplaudern als Job

Chef sein bedeutet auch, bei jeder Gelegenheit vorsingen zu müssen. Wortreich, aber nicht immer eloquent verabschieden Abteilungsleiter ältere Kollegen in den Ruhestand oder begrüßen neue Mitarbeiter, als wären sie vom Himmel geschickt. Ihr Publikum sollen Führungskräfte durch glänzende Vorträge beeindrucken, dann treffen sie aber nicht den richtigen Ton. Und bei Grabreden dürfen sie sich nichts von ihrer tiefen Betroffenheit anmerken lassen. Selbst Schauspieler müssen dafür lang üben. 

(Winfried Gertz / Bild: Benjamin Jaworskyj, Fotolia.com)